Hannah Arendt hat nie einen Computer gesehen. Und trotzdem denke ich regelmäßig an sie, wenn ich über KI nachdenke. Das ist nicht selbstverständlich – Philosophie und Technologie werden selten im selben Atemzug genannt. Aber genau das ist der Punkt.

Zur Gedankenwelt Arendts hat mich meine Freundin Moni gebracht. Sie hat mir ihre Texte nähergebracht, als ich noch gar nicht wusste, wie sehr ich sie brauchen würde. Danke dafür, Moni.

Arendts Analyse von Verantwortung, Handeln und dem, was sie die „Banalität des Bösen" nannte, trifft den Kern einer Frage, die uns mit KI neu stellt: Wer ist verantwortlich, wenn Systeme Entscheidungen treffen?

„Niemand hat das Recht zu gehorchen." – Hannah Arendt

Das Problem der verteilten Verantwortung

Arendts zentrales Argument in „Eichmann in Jerusalem" war: Das Böse braucht keine bösen Menschen. Es braucht Menschen, die aufhören zu denken. Die Befehle ausführen. Die sich in Systeme einfügen und die Konsequenzen ihres Handelns ausblenden.

In der KI-Debatte erlebe ich etwas Ähnliches. Die Entwickler sagen: „Wir haben nur Code geschrieben." Die Unternehmen sagen: „Wir haben nur ein Tool eingesetzt." Die Nutzer sagen: „Ich hab nur geklickt." Und am Ende fragt sich niemand, wer eigentlich entschieden hat.

Handeln als Unterbrechung

Arendts Gegenentwurf war das Handeln: das spontane, unvorhersehbare Eingreifen in den Lauf der Dinge. Handeln ist das, was Systeme nicht können. Es ist zutiefst menschlich – weil es Anfänge setzt, die niemand geplant hat.

Das ist für mich der Kern dessen, was wir Kindern beibringen müssen. Nicht KI zu bedienen. Sondern zu handeln – auch dann, wenn ein System etwas anderes vorschlägt.

Was Arendt uns über KI lehrt
  • Verantwortung lässt sich nicht delegieren – auch nicht an Algorithmen
  • Denken ist eine moralische Pflicht, kein Luxus
  • Systeme optimieren – Menschen entscheiden
  • Wer nicht fragt, wer verantwortlich ist, wird Teil des Problems
Katja Gerking

Katja Gerking

Kommunikationswissenschaftlerin, Agile Coach und Mutter von drei Kindern. Seit über sieben Jahren begleite ich Menschen und Organisationen durch Veränderung – und bringe dieses Wissen in Schulen.