Dieses Bild habe ich im Sommer am Strand gemacht. Surfcoaches mit einer Gruppe Kinder, und ich konnte nicht aufhören, es anzuschauen. Die Coaches stehen am Rand, zeigen Richtung, sichern ab, wo es nötig ist. Aber surfen müssen die Kinder selbst. Diese Mischung aus Führen und Loslassen, aus Orientierung geben und Raum lassen, damit jemand seine eigene Welle reiten kann, ist mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Sie beschreibt ziemlich genau, was gute Führung ausmacht. Und vielleicht auch, was wir in der Schule öfter wagen sollten.

Wir reden gerade viel über Wirtschaftswunder. Über Standortnachteile, Bürokratie, Fachkräftemangel. Über alles Mögliche, nur selten über das Naheliegendste: Wie wir führen, entscheidet darüber, ob wir die Probleme von morgen überhaupt lösen können.

Die gute Nachricht: Wir wissen, was funktioniert.

Der Mythos der starken Hand

Wenn es um Führung geht, fallen schnell die großen Namen. Musk. Jobs. Bezos. Führungspersönlichkeiten mit hartem Stil und hohem Druck, Weltunternehmen als Ergebnis. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Vielleicht brauchen wir mehr davon.

Aber diese Schlussfolgerung trügt. Was wir sehen, ist Survivorship Bias: Für jeden dieser Ausnahme-Gründer gibt es hunderte autokratische Führungspersönlichkeiten, die mit demselben Stil gescheitert sind. Still, ohne Fortune-Cover, unbeachtet. Wir erinnern die Gewinner. Den Friedhof dahinter sehen wir nicht.

Und selbst die großen Ausnahmen zeigen: Was wirklich wirkt, ist nicht der Stil. Es ist die missionarische Klarheit des Zielbilds. Diese Energie lässt sich auch ohne Härte erzeugen. Satya Nadella hat das bei Microsoft bewiesen. Weg von der Silokultur, hin zu echter Kollaboration, von 300 Milliarden auf über 3 Billionen Dollar Marktkapitalisierung. Einer der bemerkenswertesten Turnarounds der Unternehmensgeschichte.

„Was wirklich wirkt, ist nicht der Stil. Es ist die missionarische Klarheit des Zielbilds."

Was die Zahlen sagen

Die Forschung ist eindeutig, und das über tausende Unternehmen hinweg: Unternehmen, die kollaboratives Arbeiten fördern, sind fünfmal wahrscheinlicher als High Performer eingestuft. Eine IBM-Studie mit 1.700 CEOs zeigt, dass Outperformer mit 30% höherer Wahrscheinlichkeit Offenheit als Führungsprinzip priorisieren. McKinsey belegt 47% mehr Umsatzwachstum über zehn Jahre bei Unternehmen mit langfristiger, kollaborativer Strategie.

Kollaborative Führung ist kein Soft-Thema. Sie ist ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil, replizierbar, erlernbar, skalierbar.

Das Gleiche gilt für agiles Denken. Nicht als Zertifikat oder Prozess-Framework (das ist oft gescheitert), sondern als Haltung: iterieren, Feedback ernst nehmen, Richtung anpassen können. Organisationen, die das leben, berichten in McKinsey-Erhebungen zu 93% bessere operative Performance. Die Fähigkeit, sich schnell anzupassen, ist in einer Welt sich beschleunigender Veränderung kein Nice-to-have mehr.

Was das mit unseren Kindern zu tun hat

Hier wird es spannend.

Wir wissen heute sehr genau, welche Fähigkeiten Menschen brauchen, um in kollaborativen, anpassungsfähigen Organisationen zu wirken: in Teams denken, Feedback geben und empfangen, aus Fehlern lernen, Verantwortung für Ergebnisse übernehmen, Probleme gemeinsam lösen. Neugier. Anpassungsfähigkeit. Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.

Das sind keine angeborenen Eigenschaften. Das sind trainierbare Fähigkeiten. Und der beste Zeitpunkt, sie zu entwickeln, ist die Kindheit.

Kinder mit Surfboards am Wasser, begleitet von Coaches

Die Surfcoaches am Strand haben das längst verstanden. Sie geben Orientierung, sie sichern ab, sie stehen bereit. Aber wenn die Welle kommt, müssen die Kinder selbst paddeln. Kein Coach kann das übernehmen. Und genau das ist der Punkt: Echtes Lernen passiert im Moment des eigenen Tuns, nicht im Zuschauen.

Es gibt Schulen, die das bereits zeigen. Orte, an denen Kinder an echten Projekten arbeiten, Entscheidungen treffen und Scheitern als Teil des Lernens erleben, nicht trotz, sondern durch Kollaboration wachsen. Wo Lehrerinnen und Lehrer nicht vorne stehen und Antworten vorgeben, sondern Lernprozesse moderieren und Neugier entfachen. Wo das Zielbild nicht die Note ist, sondern die Frage: Was kannst du jetzt, was du vorher nicht konntest?

Diese Schulen sind keine Utopie. Sie existieren. Und sie zeigen, dass Kinder aufblühen, wenn man ihnen zutraut, selbst zu denken.

Wofür Raising Tomorrow steht
  • Kollaborative Führung ist kein Soft-Thema, sondern ein messbarer Wettbewerbsvorteil
  • Die Fähigkeiten dafür sind trainierbar, und die beste Zeit dafür ist die Kindheit
  • Gute Führung heißt: Orientierung geben und Raum lassen, damit andere ihre eigenen Wellen reiten können
  • Das neue Wirtschaftswunder beginnt dort, wo ein Kind zum ersten Mal erlebt, dass seine Idee zählt

Das neue Wirtschaftswunder beginnt nicht im Bundestag und nicht auf dem nächsten Leadership-Summit. Es beginnt dort, wo ein Kind zum ersten Mal erlebt, dass seine Idee zählt. Dass Zusammenarbeit weiter trägt als Einzelkämpfertum. Dass Fehler machen und neu versuchen keine Schwäche ist, sondern genau das, was gute Führung ausmacht.

Wir haben die Chance, eine Generation heranzuziehen, die das nicht erst im Erwachsenenleben mühsam umlernen muss. Die es einfach kann.

Katja Gerking

Katja Gerking

Bildungsaktivistin, Enterprise Agile Coach und Beraterin. Ich glaube, dass die Veränderung in Schulen beginnt, und in den Menschen, die sie gestalten.